Ist unser Wirtschaften zum Wachstum verdammt?
Wachstum - wozu und was für ein Wachstum?
Wer Otto Normalbürger fragt, wozu eigentlich Wirtschaftswachstum sein muss, erhält vielleicht die Antwort: "Na, um die Inflation auszugleichen!". Die viel zitierten Wachstumsraten des Bruttoinlands-Produkts (BIP) sind allerdings so definiert, dass die Geldentwertung stets heraus gerechnet ist, es handelt sich also um Nettowachstum.Eine weitere grundlegende Festlegung besteht darin, dass die Wachstumsraten stets auf das Niveau des Vorjahres bezogen sind. Praktisches Beispiel: Welcher Wachstumsfaktor wird in 30 Jahren bei jährlichen Raten von +3% (Faktor 1,03) erreicht? Natürlich nicht 1,03, aber auch nicht 1,9 wie bei einem linearen Wachstum, sondern durch stetes Multiplizieren des Vorjahresergebnisses (Zinseszinseffekt) der Faktor 2,43 (in 60 Jahren übrigens 5,89!).
Wer die Wachstumsfrage Politikern, Gewerkschaftern, Unternehmern stellt, erhält sinngemäß die Antwort: "Damit die Wirtschaft in Fahrt kommt und die Arbeitslosigkeit abgebaut wird!". Experten werden ergänzen: "Zur Vollbeschäftigung brauchen wir ein Wachstum von mindestens 3%!".
Nun würde bei einem Wachstum von 0% die Wirtschaft keineswegs still stehen, sondern konstant weiter arbeiten. Die Menschen würden weiterhin konsumieren und Ressourcen verbrauchen, nur eben nicht stetig mehr. Wozu wird dann aber der obige Wachstumsfaktor von 2,43 über 30 Jahre tatsächlich gebraucht?
Energie und Informationstechnologien im Wachstumsprozess
| Kapital 25% |
Arbeit 70% |
En. 5% |
Unplausibel blieb hierbei allerdings, dass dann die beiden Ölkrisen so starke Einbrüche der Wertschöpfung auslösen konnten. Neuere Wirtschaftstheorien (D. Lindenberger, W. Eichhorn, R. Kümmel), die auch Gesetzmäßigkeiten von Physik und Thermodynamik berücksichtigen, ergeben denn auch ein völlig anderes Bild.
| Kapital 40% |
Arbeit 10% |
Energie 50% |
Die vorstehenden Relationen von Kosten und Wertschöpfung treiben einen stetigen gigantischen Prozess der Umstrukturierung voran, bei dem menschliche Arbeit durch Automation ersetzt wird. Für die Heerscharen von 'freigesetzten' Arbeitskräften müssen zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden, so dass Wachstum zum Selbstzweck wird, um soziales Konfliktpotential zu entschärfen und die Leistungsfähigkeit der Steuer- und Abgabensysteme zu erhalten.
Gewinnverteilung im Prozess der Umstrukturierung
Mit der politischen Globalisierung und der Vernichtung von Entfernungen durch moderne Telekommunikation und Transporttechnik erhielten die Kapitaleigner alle Optionen, Standortentscheidungen freizügig zu treffen. Den Gewerkschaften gelang es nicht mehr, den steigenden Anteil von Energie- und IT-Sklaven als 'Produktivitätsfortschritt' der menschlichen Arbeit einzufordern, so dass in den letzten 10 bis 15 Jahren die Reallöhne der Arbeitnehmer stagnierten, während Kapital- und Vermögenseinkünfte stark angestiegen sind.Staat und Sozialversicherungen, die nach wie vor ihre Aufgaben zum größten Teil aus den Steuern und Abgaben der Arbeitnehmer finanzieren, sehen sich gezwungen, Leistungen abbauen und/oder Steuern und Abgaben erhöhen. Hierdurch steigen die Lohnnebenkosten, so dass u.a. auch Dienstleistungen des öffentlichen Lebens, in denen nur in geringem Umfang Energie- und IT-Sklaven eingesetzt werden können (z.B. im Schul- und Gesundheitswesen), immer teurer werden.
Die Rolle der Gewerkschaften ist schwierig geworden, denn sie vertreten nur die weniger werdenden Arbeitnehmer, nicht die Energie- und IT-Sklaven und auch nicht die Arbeitslosen. Arbeitskämpfe und hohe Tarifabschlüsse können von den Kapitaleignern mit einem verstärkten Einsatz von Energie- und IT-Sklaven gekontert werden.
Auch die Zukunftsvorsorge ist im Umbruch: Immer weniger Menschen vertrauen auf den Staat, investieren in Pensions- und Aktienfonds, um mit ihrer Einlage auf die Seite der Kapitaleigner zu wechseln und an den Gewinnen teilzuhaben, die von Energie- und IT-Sklaven erwirtschaftet werden. Allerdings mit der Folge, in ihrer neuen Rolle den Druck auf Arbeitnehmer und Staat weiter zu erhöhen.
Wachstumsgewinne - Genuss ohne Reue?
Wer über das bisherige Wachstum Bilanz zieht, stellt zum einen fest, dass die Wachstumsraten auch Ausgaben enthalten, die anfallen, um die zunehmenden Schäden zu beheben, die als Folgen eben dieses Wachstums auftreten. Zum anderen sind Wachstumsgewinne im erheblichen Umfang durch Spekulationen vernichtet worden.Noch vor wenigen Jahren war keine Firmen-Fusion oder -Übernahme gigantisch genug, bei neu zu gründenden Internetfirmen kein Geschäftsmodell zu gewagt, um keine Investoren zu finden. Oft genug waren bei den Objekten der Begierde die Verluste größer als der Umsatz.
Nicht zufällig beflügelten gerade Energie und IT die Fantasie der Investoren, aber viele sitzen jetzt noch auf den Schulden, die über den nächsten Börsengang bezahlt werden sollten. Privatinvestoren, die so ihren vorzeitigen Ruhestand finanzieren wollten, suchen wieder nach Arbeit.
Für die meisten Arbeitnehmer diktieren die Energie- und IT-Sklaven mittlerweile den Arbeitsrhythmus: Steigende Anforderungen an stetige Fortbildung, Mobilität und ständige Erreichbarkeit gehen einher mit ungünstigeren Arbeitszeiten, stets begleitet von der Furcht vor dem nächsten großen Rationalisierungsschub. Im gesellschaftlichen Leben haben Stress und Überforderung der Menschen den Trend zum Zynismus, zur kurzfristigen Konsum- und Gewinnorientierung und zur Aufkündigung von Verantwortung für das Gemeinwohl gefördert.
Ein solidarischer Staat braucht einen Umbau des Steuer- und Abgabensystems
Nachdem jahrelang die unternehmernahe Presse voll vernichtender Kritik über staatliche Daseinsvorsorge war, ist unter dem Eindruck globalisierter Terrorrisiken ein Umdenken festzustellen. Für die Aufgaben eines solidarischen Staatswesens ist aber ein Steuer- und Abgabensystem, das überwiegend aus dem immer schwächeren Produktionsfaktor der menschlichen Arbeit finanziert wird, nicht mehr leistungsfähig genug.Als sinnvolle und gerechte Lösung bleibt nur, die Produktionsfaktoren entsprechend ihrem tatsächlichen Anteil an der Gesamtwertschöpfung heranzuziehen. Durch schrittweise Verlagerung der Lasten weg von der menschlichen Arbeit hin zur Energie, dem 'vergessenen Produktionsfaktor', wird eine Finanzierungsquelle erschlossen, die selbst im Übergang zum Nullwachstum ergiebig bleibt.
Allerdings hat das bisherige Schlagwort 'ökologische Steuerreform' dieses Prinzip wenig transparent gemacht, sondern führte eher dazu, dass das Ganze als 'Abzocke' für ökologiefremde Zwecke kritisiert wurde. Als Ergebnis wird aber auch erreicht, dass die Nebenkosten für menschliche Arbeit sinken (besonders für den Dienstleistungssektor von Bedeutung) und durch die Verteuerung der Energie ressourcenschonendes Wirtschaften belohnt wird.
Der Einwand, dass die Ergiebigkeit von Energiesteuern durch Effizienzfortschritte gefährdet ist, trifft zwar prinzipiell zu, dürfte aber erst mit einiger Verzögerung relevant werden. Zu diesem Zeitpunkt könnte dann die Informations- und Kommunikations-Technologie eine so überragende Bedeutung erreicht haben, dass sie als eigenständiger Produktionsfaktor zu definieren ist und für das Steuer- und Abgabensystem bedeutsam wird.
Der Übergang zum zukunftsfähigen Nullwachstum
Wenn rückblickend festzustellen ist, dass die deutsche Wirtschaft von 1950 bis 1970 ca. auf das 3fache, zwischen 1970 und 2000 auf das 6fache von 1950 wuchs, erscheint es plausibel, dass gleichbleibende Wachstumsraten von z.B. 3% (das wäre 2030 ca. das 14fache von 1950!) unrealistisch sind. Insofern hinkt auch ein Vergleich mit denjenigen EG-Ländern, die sich noch in einem früheren Stadium des Wachstums befinden.Wer weiteres unvermindertes Wachstum als "natürliche Dynamik" einfordert, muss zur Kenntnis nehmen, dass in der Natur stetig gleichbleibende Wachstumsraten nur bei selbstzerstörerischen, entarteten Prozessen vorkommen, wie z.B. beim Wachstum von Tumoren und Bakterienkulturen. Ansonsten verlangsamt sich natürliches Wachstum nach anfänglich starken Steigerungsraten stetig und geht schließlich in einen Zustand der Sättigung über.
Aber selbst im Übergang zum Nullwachstum entsteht ja kein Nullverbrauch, die Grenzen nicht erneuerbarer Ressourcen werden lediglich später erreicht. Auf dem Weg zur Zukunftsfähigkeit bleibt dann noch viel zu tun, denn während für die Nutzung erneuerbarer Energien und für qualitätsvolle, langlebige Produkte bzw. Dienstleistungen neue Arbeitsplätze entstehen, gehen solche aus den Ex- und Hopp-Sektoren zwangsläufig verloren.
In diesem Prozess muss der Staat den Faktor Energie entsprechend seiner Produktionsmächtigkeit zur Finanzierung öffentlicher Aufgaben heranziehen, statt für den schwächeren Faktor Arbeit auf unrealistische Wachstumsvorgaben zu setzen. Dies ist allerdings nicht durch "ein bißchen Ökosteuer" mit 4 bis 5 jährlichen Anpassungsraten zu erreichen, sondern ist ein Programm für mehrere Jahrzehnte.
Anmerkung des Autors: Vielen Dank an Dr. Jürgen Grahl, dessen ausführliche Veröffentlichung 'Wachstumsfetischismus' und der anschließende Dialog Ausgangspunkt für den obigen Artikel war.
